Chinakracher 1: Lachen ist gesund

Eigentlich kommt alles aus China: Nudeln, Lippenstift und nun auch noch der Satz des Pythagoras, der schon 500 Jahre vor Pythagoras in einem chinesischen Rechenbuch stand. Es ist wie das Hase-und-Igel-Spiel: immer gab es alles schon längst in China. Selbst Janet Jackson konnte mit ihrem Brust-Piercing keinen Chinesen mehr schocken, denn die TV-Moderatorin Li Xia aus Beijing hatte schon zwei Jahre vorher ihre Brust öffentlich entblößt. Wenn das kein Grund ist, immer und ewig zu lächeln.

Immer ist alles mindestens tausend Jahre alt, immer ist alles gigantisch, und keiner außer den Chinesen kann Chinesen wirklich verstehen. Da helfen auch jahrelange interkulturelle Management-Trainings nichts. Klar, dass der Wuppertaler Geschäftsmann in Wuhan nicht gleich versteht, warum nach einer Unterschrift die Vertragsverhandlungen bei den Chinesen erst richtig losgehen, und warum er dann seine Schäfchen weder im Trockenen noch in trockenen Tüchern hat, sondern die Feilscherei erst losgeht. Weil alles im Fluss ist, weil alles flexibel ist, heute so und morgen garantiert anders – wozu sollte sonst ein Vertrag gut sein? Er ist doch erst die Grundlage für eine Verhandlung. Nicht immer alles so linear oder Schritt-für- Schritt sehen. Man muss das Ganze mit innerem und gelassenem Qi situativ und zyklisch betrachten. Die Chinesen lächeln milde, haben sie doch Papier und Tinte erfunden, um alles Schwarz-auf-Weiß zu schreiben, aber so buchstabengläubig wie der Geschäftsfreund aus Wuppertal sind sie nicht, wenn der sich brüskiert, die Chinesen würden sich einfach nicht an die unterschriebenen Bedingungen halten. „Der Geschäftsfreund aus Wuppertal hat nur wenige tausend Jahre Geschichte – man nehme Rücksicht“, lächelt der in Harvard studierte Chinese, der quantensprunggleich nicht das Gesicht verliert, sondern es permanent wechselt. Im Zweifel können sich Chinesen auf mindestens tausend Jahre mehr Geschichte berufen, wenn das kein Grund zum Lächeln ist. Ich nehme ab jetzt bei Unsicherheiten immer bis zu 4000 Jahre.

Also vorwärts und nicht vergessen: strahlt ein Chinese einen an, wenn man sagt, dass man aus Deutschland kommt und ruft: „Michael Ballack, good! Good!“, dann ist er nicht neidisch auf die guten deutschen Spieler, sondern nur höflich. Wohlwissend dass das Rasenspiel aus dem alten China kommt: Dort kickten  Männer und Frauen schon seit 400 Jahren vor Christus mit einem Lederball. Aber Deutschland holt auf: Ming-Vase, rote Laternen und Mao-Devo- tionalien – China als Omni-Accessoire für die ganze Wohnung. Um dieser einen letzten Hauch von Authentizität zu geben, sagt man entweder verschwörerisch „Das habe ich in einem kleinen Lädchen in China gekauft, da wo keine Touristen hingehen“ oder hat an einem Feng-Shui-Seminar der Volkshochschule Braunschweig-Ost teilgenommen. China ist überall in Deutschland und manchmal chinesischer als in China. Während dort Feng-Shui über- wiegend aus monetären Gründen eingesetzt wird, glaubt man hierzulande fest an den gesundheitlichen Aspekt. Deshalb ist auch die Esoterik-Szene Deutschlands sauer: es ist egal, was aus China kommt, immer scheint es medizinisch wirksamer, randvoll mit fern- östlicher Weisheit und noch natürlicher als Bachblüten zu sein. Insofern hat in den letzten Jahren unbemerkt eine Kulturrevolution stattgefunden: Deutsche Krankenkassen zahlen Akupunktur, ganze Generationen wachsen mit Tai-Chi auf und halb Deutschland trinkt literweise grünen Tee.

Nur noch etwas mehr Lächeln - das würde den Deutschen und dem ganzen Dienstleistungs- sektor hierzulande so einen enormen Aufschwung verleihen, dass die Wirtschaftsweisen nicht mehr ein noch aus wüssten. Die amerikanische Supermarktkette Wal-Mart ist mit ihrer Lächel-oder-stirb-Pflicht in Deutschland nicht weit gekommen, das Verhältnis zu Amerika ist eh abgekühlter als früher. Da hilft nur wieder der Blick gen Fernost und schon reihen sich Lach-Yoga-Kurs an Ergo-Lach-Therapie bis hin zu „Smile with Laotse“-Workshops. 

„Einfach einatmen und dann loslassen...“, Bernd steht vorne und die Schüler seines Kurses „Lachend auf dem Weg in die Mitte“ stehen ihm gegenüber. Ein bunt gemischtes Publikum, freche Hausfrauen aus den Vororten, junggebliebene Versicherungsvertreter nach dem ersten Herzinfarkt, Soziologiestudenten und dynamische Karrierefrauen ohne Hobbys. Einige aus dem letzten Jahr, die meisten sind neu. Alle sind unglaublich bequem gekleidet und unglaublich entschlossen. Ein paar sehen aus wie allerletzte Samurais. Oder wie Second- hand Ninjakämpfer. Aber der Wille zählt ja, und die Stimmung ist ernst. Alle lauschen gespannt. „Ihr müsst die innere spirituelle Kraft entdecken und das Tor zu euch öffnen“, sagt Bernd mit gedämpfter Stimme, „nur so könnt ihr die Kontrolle über Körper und Geist erfahren“. Aha. „Geht in euch und lauscht! Sucht die Einheit durch Tao und die Zweiheit der Einheit!“ Hihi. „Wir machen jetzt die Übung „18 Efeu-umrankte Toröffnungen des Tempels Da Qi Yuan im Sonnenlicht“, und dann öffnet euch und lasst das befreiende Lachen Buddhas heraus....“ Hä? Noch sind sich einige nicht sicher, ob sie alles auch richtig verstanden haben und schauen sich ein wenig ratlos um. Andere sind verdutzt erstarrt, aber Bernd hat schon begonnen: beide Arme an der Bauchdecke, Kopf nach unten gebeugt, gedankenverlorener Blick. Dann wirft er den Kopf in den Nacken, die langen, blonden Nackenhaare fliegen zurück, er öffnet den Mund und heraus kommt ein Schwall künstlichen Lachens der Kategorie F-Promi aus einer Telenovela. Einige Kursteilnehmer lachen spontan los, einige leise vor sich hin, viele lachen stotternd. Die ersten, weil barfuß, fangen an zu hüpfen, andere folgen ihnen. Die ersten Arme werden geschüttelt, dann ganze Körper bis der ganze Raum mit lachenden, sich windenden und hüpfenden Menschen gefüllt ist. Hinterher die obligatorische Runde, wo jeder erzählen kann, was das mit ihm gemacht hat, was er gefühlt hat und wo seine Mitte jetzt ist. Und alles im Angebot für nur 130 € mit Drachen-Schlüsselanhänger und Sesam- Knabber- gebäck gratis. 

Zur Not hilft auch ein Feng-Shui-Zimmerbrunnen, der Körper und Geist in Einklang bringt, für frischere Raumluft sorgt und bei Bedarf auch Nebel produziert, was bei Kindergeburtstagen zu unvergesslichen Momenten führt. Und wenn der Brunnen kaputt ist, ein Loch hat oder angeschimmelt ist, dann einfach als Schicksalsschlag annehmen, vier Glückskekse essen und sich schlapplachen. (VY)

Chinakracher 2: Wenn das Lachen vergeht

Ist schon gemein, dass die Chinesen so lange in die Vergangenheit schauen können und so viel erfunden haben. Und als ob das nicht schon genug ist, haben sie außerdem auch noch eine prächtige Zukunft vor sich: Boom-Towns mit Boom-Märkten und Boom-Menschen in Boom-Sonderzonen. Man hat doch nichts dagegen, dass jetzt mehr Chinesen Autos fahren, sollen sie doch auch etwas vom Fortschritt genießen, kann man ja auch verstehen – aber warum müssen es denn so viele sein? Wenn wir uns vorstellen, dass alle Chinesen ein Auto fahren wollen, dann ist Schluss mit lustig. Da vergeht einem doch das Lachen. Und das ist kein Science-Fiction-Film, das wird bald der tägliche Grusel live sein. Gut, der Chinese kann noch nichts dafür, dass der deutsche Wald stirbt, schließlich haben wir mit der Umwelt - vergiftung angefangen, aber schon bald können schlechte Wasserqualität der Nordsee, Smog-Alarm in Oberammergau und hohe Benzinpreise in Rostock auf die Chinesen abgewälzt werden. Neulich an einer Berliner Tankstelle visionierte ein deutscher Pensionär die mittelfristigen globalen Umweltszenarien mit mir: „Wenn die in China alle ooch ´n Auto fahren, dann is´ bald zappenduster! Die brauchen Öl, det gloobste nicht, det kann sich hier keener mehr leisten, die treiben die Preise in die Höhe und det Klima kippt. Dann Jute Nacht!“.

Da hört dann auch die Großzügigkeit der Wohlstandsgesellschaft hierzulande auf. Gerne geht man chinesisch essen und lernt einmal die Woche im Freundschaftsladen Chinesisch mit Gleichgesinnten. Die mit der dicken Geldbörse lassen sich gleich chinesische Kinder- mädchen einfliegen - wegen der Zweisprachigkeit und Zukunftschancen ihrer Kinder. Viele Deutsche kochen gemeinsam chinesisch mit Freunden und treffen sich vorher  im Asia-Shop – da, wo die Kenner kaufen. Die unauffälligen chinesischen Studenten in Deutschland oder die chinesischen Touristen im Straßenbild stören bisher auch keinen. „Ach, das ist doch eine Bereicherung für uns“, resümiert die Dame im Bus neben mir, „ich habe ja auch eine Schwäche für alles Asiatische! Ich find das ja toll! Und die sind immer so freundlich. Sie sehen auch so asiatisch aus? Können Sie asiatisch sprechen?“.
 
Nun wird es aber langsam ernst. Nachdem immer mehr Informationen über Chinas Wirtschaft, Menschen und Umwelt durch die Zensur des Informationsministeriums nach Deutschland gelangen, wird es vielen mulmig. Als amtlich geeichter Seismograph kann ich die Veränderungen in Deutschland aufspüren: schon vor Jahren haben sich die ersten Ex-Maoisten enttäuscht über Chinas erste Neureiche beschwert, nun erschüttern China- Dokumentationen auf allen Kanälen und China-Themenabende über die selbstbe- wussten Frauen in Shanghai, für die die Wahl eines Ehepartners ausschließlich vom monatlichen Gehalt oder von den Immobilien des Auserwählten abhängt, die Fernsehmassen hierzulande. So haben sich weiße, christlich sozialisierte, mittelständische Feministinnen an der Universität die Emanzipation nicht vorgestellt. Wo bleibt der Kampf um Haushalt und Kinderbetreuung? Dass solche Fragen dem letzten Jahrhundert angehören, zeigt die mit Shopping, Beauty und „Omniküre“ beschäftigte moderne Frau in China, die selbstverständlich eine „Ayi“ als Putzfrau, Köchin und Kindermädchen in einem hat, sonst wäre die Maniküre mit dem nagelneuen French-Style-Nagelweiß ja hinüber. Für die Chinesin ist es wahrscheinlich kaum nachvoll- ziehbar, dass Männer und Frauen hierzulande nächtelang ausdiskutieren müssen, wer was wann wie macht, nichtwissend, dass das Zauberwort Dienstleistungsgesellschaft in Deutschland noch nicht im Bereich Familie angekommen ist. Hier erzieht man/frau noch selbst.

„Und woher kommst Du?“ wurde ich von dem Pantomimen  Sebastian-Ruben gefragt, der gerade eine Solo-Performance Open Air in Husum, im Norden Deutschlands, aufgeführt hat. Die Frage kommt spät und plötzlich, wir saßen schon seit einiger Zeit nach Ende der Aufführung zusammen und er, ganz Künstler-Egomane, erzählte die meiste Zeit von sich, und die Runde hörte zu. Ich war gedanklich abgeschweift und nippte an meinem Rotwein. Schnell und ohne Witz antwortete ich: „Aus Berlin!“, was sich als Fehler entpuppte. Ich hätte meine Standard-Antwort „Aus Berlin, aber mein Vater kommt aus China, meine Mutter aus Deutschland!“ wählen sollen. Dann ist meistens Ruhe, vielleicht will der eine oder andere noch etwas von seiner letzten Chinareise erzählen, aber dann hätte ich weiter Rotwein trinken können. Selber schuld. Nun das Resultat: „Nein, ich meine, wo Du geboren bist?“ fragte er mit leicht genervtem Unterton. Ich ahnte, dass meine Antwort als Provokation aufgefasst werden könnte, wollte aber nicht lügen und sagte: „In Hamburg!“. Stille. Man hörte ihn schneller atmen. „Aber Dein Aussehen...wie erklärst Du Dir das?“ stammelte er fast. Ich versuchte, Tai-Chi und mindestens Konfuzius zu beschwören, mir zu helfen, ein chinesisches Lächeln hinzubekommen. Stichwort: Deeskalation. Dann klärte ich ihn mit meiner Standard-Antwort auf und hoffte, alles sei in Butter. Offensichtlich konnte er es sich aber nicht verkneifen, mir eins auszuwischen. In die Runde schauend   sagte er langsam: „China?!...Naja, ihr Chinesen nehmt uns ja alle die Arbeitsplätze weg!“ Ich verschluckte meinen Rotwein. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht hier am Lagerfeuer mit studiertem Publikum, das in Leinen mit ökologisch abbaubaren Farben gekleidet, garantiert die Kerze bei der Lichterkette für unsere ausländischen Mitbürger anzündet. Ich war baff und versuchte mir vorzustellen, welcher Chinese gerne in Husum Open Air im grünen Gras deutsche Märchen à la „Rumpelstilzchen“ pantomimisch performen möchte. Aber alles ist ja möglich, es gibt auch jodelnde Japaner.
(VY)

Chinakracher 3: Wer zuletzt lacht


Immerhin beneiden Chinesen Deutschland um Goethe, Mozart und Co.. Allerdings sind sie nach der letzten Pisa-Studie ziemlich beruhigt: in den nächsten Jahrzehnten wird es wohl kein neues Genie aus Deutschland geben. Dafür kloppen sich Chinesen mit Juden an amerika- nischen Elite-Universitäten um die ersten Plätze. Das verleitet einige Chinesen schon zu dem ein oder anderen Lächeln mit leichter Arroganz. In seiner neuen Stadtwohnung, das eher an ein Hotel erinnert, ein 1700 m² großes Penthouse im Herzen Beijings über drei Etagen und mit Auto-Carport direkt neben der Südterrasse im 27. Stock, treffen wir ihn: Dr. Huang, Honorary  Professor der Oxford University, Schwerpunkt „Global Macro-Marketing and the Sustainability of Omnipotency in China“, vorgeschlagen für den Nobelpreis im Bereich Wirtschaftswissenschaften für seine Analyse „Der Doppelcharakter der Demokratie und der globale  Negativ-Einfluß auf die makro-ökonomischen Parameter der Welt“. Und ansonsten ist Herr Huang Geschäftsmann und Inhaber mehrerer Firmen in ganz China. „Die Zukunft ist glänzend“, erklärt Huang, „das sagte unser Vorsitzender Mao schon 1945 und schauen Sie selbst...“, er zeigt auf seine fünf Mikrowellen aus gebürstetem Stahl in seiner Küche, die fast eine ganze Etage ausmacht. „Wisst Ihr, was Euer Fehler ist? Ihr denkt fundamental falsch und braucht dringend einen Paradigmenwechsel pragmatischer, programmatischer und meta- physischer Art. Ihr dachtet immer, wir seien der Tiger, der sich erhebt, bebt, brüllt und zum Springen ansetzt, aber leider: falsch gedacht! Mao hat 1958 in seiner Rede auf der Tagung des Politbüros von der Doppelnatur des Imperialismus gesprochen: als wirklicher Tiger und Papiertiger zugleich. Er meint die Imperialisten und Reaktionäre damit, also Euch. Ihr seid auch Tiger und Papiertiger! Ist das nicht ein völlig neues Lebensgefühl?“ Ich visualisiere viele rot-schwarze Papiertiger, die sich große Koalition nennen und Deutschland regieren wollen. Huang schreitet durch seine Wohnhalle und lässt sich auf einer überdimen- sionalen, skulpturalen und raumübergreifenden Polsterlandschaft mit 300 Kissen in hellem Lila fallen: „Mao sagte 1956 voraus, dass China im Jahre 2001 zu einem „mächtigen sozialistischen Industrieland“ wird – und, er hat doch recht gehabt, oder?“

Ich erinnere ihn vorsichtig, dass seine lobenden Worte über Mao den Worten einer chinesischen Amerikanerin gegenüberstehen, die gerade einen Besteller über die blutige Vergangenheit des Vorsitzenden  geschrieben hat. „Naja,“ winkt er gelangweilt ab, „alles muss bei Euch blutig sein, um gehört zu werden, kein Bericht über die Kulturrevolution, der nicht blutig ist. Andere Geschichten wollt ihr doch nicht hören. Das ist bestimmt wegen Eurer eigenen blutigen Geschichte. Warum wollt ihr immer das Gleiche hören? Macht nichts, lass´ uns einen trinken, ein edles Tröpfchen, Jahrgang 1938, komplett ausgereifter Kognak direkt aus den Fässern vom Mississippi eingeflogen.“ Beim Öffnen der Flasche blitzen seine goldenen Manschettenknöpfe, die eher an Goldbarren als an Knöpfe erinnern, „Hören Sie, Kunst und Kommerz, Geist und Gewinn, Kopf und Kopfgeld, alles ist bei uns nicht so getrennt voneinander“, er reicht mir eine Platinschale mit luftgetrockneten Froschschenkeln und eine kleine Trinkschüssel mit Schildkrötensuppe. „Ich bin erfolgreich und gebe mein Wissen gerne weiter, auch nach Europa. Geschäft und Geist sind doch eng verbunden. Sehen Sie, potentielle Nobelpreisträger wie ich bekommen viel Geld für Ihre Leistung und denken nicht nur nach, weil sie denken wollen, sondern weil sie Geld verdienen wollen. Gehen Sie in sich und seien Sie einfach mal ehrlich zu sich selbst! Oder nehmen Sie mich als Vorbild, ich bin an der Universität und verdiene gleichzeitig viel Geld als Geschäftmann, bin also klug und reich zugleich. Yin und Yang in einem, wenn Sie so wollen...Gan bei!“ Er ruft per Handy seine Haushälterin an, die sich im obersten Stockwerk befindet, sie solle ihm das neueste Produkt aus der Serie „Easy Handle Daily Life“ bringen. „Ich lebe streng nach den Lehren des Konfuzius und denke immer an die anderen, meine Firma heißt deshalb `Golden Future For You Limited´...ah, danke Hong Li, hier sehen Sie, das ist meine neue Erfindung für die Menschheit!“ Er zeigt mir einen großen Koffer mit in rotem Samt eingefassten Urinflaschen in allen möglichen Formen. „Das ist eine Revolution, eine neue Kulturrevolution!“ schreit er aufgeregt und holt eine Plastikflasche in pink-violett mit undefinierbarer Form heraus, die an eine plattgetretene Plastiktrinkflasche erinnert. „Hier, das Modell „Magic Lady“: Stellen Sie sich vor, Sie sind in Beijing und fahren nach Dienstschluss mit ihrem Auto nach Hause. Das kann bis zu zwei Stunden dauern, weil der Verkehr so zugenommen hat und eigentlich immer Stau ist. An einen Riegel Schokolade oder einen Schluck Cola haben Sie gerade noch gedacht, aber was ist, wenn Sie nach 45 Minuten auf die Toilette müssen? Und Sie haben noch mehr als 80 Minuten vor sich? Und die Autos stapeln sich vor Ihnen, stehen schon 7-spurig auf einer eigentlich 4-spurigen Autobahn? Sie können nicht einfach so aus- steigen...Millionen von Autofahrern geht es täglich so, die bis zu 8,5 Millionen Liter Urin pro Tag lassen müssen, und ich frage Sie, wohin damit, wenn Sie im Auto sitzen? Aber dafür gibt es jetzt `The-Great-Wall-Rescue-Bottle´ für urbane Frauen und Männer, in allen Farben, verschließbar, faltbar und mit Motiven von Micky Maus oder Hello-Kitty, im Safari- oder Military-Look oder mit Nike-Logo, abwaschbar, Fassungsvermögen vom ¼ Liter bis 3 Liter mit Garantie. Und alles Made in China. Hier in China haben wir eine Zielgruppe, die stetig wächst: die Autofahrer. Es ist ein Zukunftsmarkt, glauben Sie mir!“ Ich schaue betreten zu Boden. Er lächelt mich etwas mitleidig an: „Bin ich Ihnen zu schnell? Ich arbeite schon länger mit deutschen Geschäftspartnern zusammen und kenne mich  aus, den meisten geht es zu schnell hier. Im Denken und Handeln sind wir Chinesen viele Stundenkilometer schneller als ihr, nur per Auto, da seid Ihr Deutschen noch schneller, da könnt ihr auf den Autobahnen 180 km/h fahren...“ Ich bin schneller als er denkt und greife seine Gedanken prompt auf: ich überlege mir, wie ich die Flaschen nach Deutschland importieren könnte. In ein Land, wo die nächste und garantiert stetig wachsende Zielgruppe der Zukunft wartet: die alten, gebrech- lichen und bettlägerigen Kunden, die alle keinen Bock mehr auf weiße Plastik- Urinflaschen im Krankenhaus-Einheitslook haben, ob zu Hause, im Pflegeheim oder unterwegs. Es wird ein Zukunftsmarkt für Deutschland, dem Land der Ideen, sein, davon bin ich nach den letzten demographischen Statistiken und Prognosen überzeugt. Die Idee ist schon geklaut, die Raubkopien der ersten Flaschen lasse ich in einer Fabrik außerhalb Hangzhous produzieren, denn die Originale von Herrn Huang werden zu teuer für den deutschen Markt sein. Und die umweltfreundliche Variante aus selbstabbaubarem Recycling- Tetra-Pak steht auch schon in der Pipeline. Ich gründe morgen eine ICH-AG und lächel´  in mich hinein. (VY)

Chinakracher 4: Konfuzius sagt – Erneuerung täglich

Ich bin keine dieser Unterleibs-Autorinnen, wie die Frauen in China  genannt werden, die erotische Geschichten schreiben. Ich bin wohl eher eine Gehirnrinden-Autorin oder – je nach Intelligenzquotient und Übersäuerung der Leser – eine Lach- oder Herzmuskel-Autorin. Eines ist jedoch sicher, ich bin keine neureiche Millionärin geworden. Schade, aber mit Kultur verdient man in Deutschland eben nur auf Niedriglohn-Niveau, und Selbstausbeutung im Namen der Kunst fällt nicht so leicht auf. Oder liegt es daran, dass ich zu kurz im Sozialismus gelebt habe? Diese zwei Jahre damals im China der 80er Jahre machen den Kohl anscheinend nicht fett. Ich hätte noch ein paar Jahre länger bleiben sollen, vielleicht wäre ich sozialistischer sozialisiert worden und jetzt auch reich. Ein Großteil meiner deutsch- chinesischen Verwandtschaft lebte im Sozialismus: ein Teil in China, der andere in der ehemaligen DDR. In beiden Teilen gibt es jetzt Neureiche und Sehr-Reiche in meiner Familie. Nur die, die immer in der Bundesrepublik lebten, haben sich nicht geändert. Aber das will ich jetzt ändern und will Erneuerung nach Deutschland bringen. Zwei Geschäftsideen habe ich schon in der Tasche: die erste Idee ist, den unglaublich praktischen Regenschirmhalter mit Schließfächern für bis zu 50 Regenschirme, den es in China überall in Museen gibt, nach Deutschland zu importieren. Hierzulande muss man den Regenschirm immer in einen Abfalleimer schmeißen und weiß nicht, ob er beim Verlassen des Ladens nicht schon gestohlen wurde. Aber mit zunehmendem Klimawandel wird es wahrscheinlich auch nicht mehr so viel regnen wie früher, daher habe ich eine zweite Idee, bei der ich sehr zuversichtlich bin, dass aus ihr in kürzester Zeit ein globales Franchise-Unternehmen entstehen wird. „The Divine  Black&White Institute“, ein Universum rund um das „Schöner Chinesisch-Sein“, denn eines ist sicher: nach dem sogenannten „amerikanischen Jahrhundert“ folgt definitiv das „chinesische Jahrhundert“ und danach garantiert das „indische Jahrhundert“, aber bis dahin habe ich bereits ein paar Milliönchen verdient. Mit dem Blick auf China wird sich künftig auch das Schönheitsideal ändern. Noch wollen viele Chinesinnen wie Barbies aussehen, aber Barbie hat bald abgedankt, die ersten jungen Chinesinnen wollen bereits wie Koreanerinnen, einige Chinesen auch wie Japaner aussehen. Und bald auch die Jungs und Mädels im Rheingau, alle wollen sie schwarze, glatte Haare und einen weißen Porzellan-Teint haben - „Black and White“ eben. Die Kosmetikindustrie produziert schon seit Jahren Skin-Whitener, also Haut-Weißmacher, die sich in Asien großer Beliebtheit erfreuen, denn nicht immer helfen die UV-Strahlenabweisenden Regenschirme wirklich, jeden Sonnenstrahl zu verhindern. Das „Knackig-Braun“ oder „Du hast aber Farbe bekommen“ hat auch in Deutschland aufgrund der Zunahme von Hautmelanomen, Faltenbeschleunigung und dem leicht prolligen Mallorca-Image ausgedient. Und mehr Sonne scheint insgesamt auch. Noch sieht man bei Sonnenschein keine Regenschirme, aber sie werden uns die Bude einrennen, um ihre gerötete, gebräunte und verbrannte Haut wieder weiß zu machen. Wir bieten Ihnen wahlweise Pflegeprodukte von Christian Domingo an, wie zum Beispiel die Maske „Be White“, die Reinigungsmilch „White Perfection“ oder die Zellkur „Extra-White Experts“ an. Oder eine Hautabschälung. Dazu haben wir im Angebot die Serie „Snake de luxe“, eine Kur aus der Essenz von Schlange mit Ameise, die wegen ihrer die Haut glättenden Wirkung ähnlich wie das Anti-Faltenmittel Botox gespritzt wird, allerdings querbeet durch alle Meridiane und auf bis zu 120 Akupunkturnadeln verteilt. Da ist kein Entkommen für die grobporige Haut von Mitteleuropäern, alles wird hinterher garantiert wie Porzellan aussehen. Die Haare werden, wenn wellig oder gelockt, durch eine „Flat-Perm“, eine Errungenschaft der Japaner, ähnlich wie bei einer Dauerwelle, dauergeglättet. Außerdem werden sie Teerschwarz, Blauschwarz oder pechschwarz gefärbt. Das sind die ersten Schritte Richtung „Schöner Chinesisch-Sein“, und wer dann identitätsmäßig noch unter geistiger Verwirrung leidet, dem erzählen wir, dass Aschenputtel auch so aussieht und eigentlich aus Shanghai kommt. Keine Sorge, das wird schon. Für den zweiten Schritt haben wir eine Kooperation mit dem Konfuzius-Institut ausgehandelt, das, ähnlich wie das Goethe-Institut nur in chinesisch, dafür Sorge trägt, dass außer den Chinesen möglichst die ganze Welt Chinesisch spricht, denkt, fühlt und handelt. Ziel der chinesischen Regierung ist es, dass ein paar Hundert Millionen Nicht-Chinesen chinesischer werden. Deshalb arbeiten wir mit dem Konfuzius-Institut Hand in Hand und reichen uns die Kunden zu Flach-Dauerwelle und Chinesisch-Einsteiger-Kurs hin und her. Eine enge Zusammenarbeit pflege ich mit McDental, die chinesische Kronen und Zähne anbieten, weil das den Auf-den-Zahn-gefühlten Echtheitsfaktor erhöht. Im Ausklang an jede Behandlung  gibt es eine Fußreflexzonen-oder Ganzkörpermassage bei McWohlfühl auf einer elektrischen Massage-Liege und eine Tasse chinesischen Kräutertee aus einer traditionellen Mischung von Wald- und Wiesenkräutern aus der Inneren Mongolei, eine Prise geriebenem Seepferdchen und zwei Körnern geröstetem Reis. Der Tee regt die innere Transformation des Zellkerns und die Produktion von Serotonin an, welches dann in der Gehirnrinde so schnell zirkuliert, dass man sich einfach nur noch toll findet. Die geplante Zusammenarbeit mit McPlasma ist aufgrund der strengen Gsetzesauflagen noch verschoben worden, aber bisher ist die Nachfrage nach Brust-, Bein- und Augenverkleinerungen noch nicht so groß. Wenn sich das Wieder-Einsetzen des Jungfernhäutchens bei uns als Kassenleistung durchgesetzt hat, steht auch der plastischen Chirurgie für den „China-Body-Look“ nichts mehr im Wege. Übergangsweise hilft da ein Tatoo mit chinesischen Schriftzeichen. (VY)     

Chinakracher 5: Kein Amt zu haben ist nicht schlimm. Aber schlimm ist es, keine Fähigkeiten für ein Amt zu haben, das man innehat.

Deutschland ist ein Land der verpatzten Chancen von Rosa Luxemburg, Wende bis Transrapid, und für den musste die Regierung auch noch Steuergelder hinblättern, damit er in China überhaupt gebaut wird. Während man hierzulande wieder alle Pros und Kontras des Jahrhunderts durchhechelt, wird China mit einem Transrapid-Netz überzogen sein. Egal, ob sich chinesische Bürger mittlerweile an Frau Merkel persönlich wenden, damit sie den Ausbau des Transrapids in Shanghai stoppen soll. Das ist der Zukunft doch egal, sie will bis 2010 über 21 Millionen Passagiere mit dem Transrapid mit über 500 km/h zukunftsmäßig hin- und herchauffieren. Was soll Merkel da sagen? Wahrscheinlich hat sie sich während der Testfahrt bei 483 km/h übergeben, weil sie derartige Geschwindigkeiten nicht gewöhnt ist, und ihr wird nun jedes Mal übel, wenn sie nur das Wort „Transrapid“ hört. Und mal ehrlich, was sollen unsere Politiker auch tun? Natürlich werden sie Wichtiges in, um und zu China sagen, versprechen und auch repräsentieren, um sich dann Zen-mäßig im Nichts wiederzufinden. Aus Sicht der Chinesen ist Deutschland eh nur eine kleine Provinz mit läppischen 80 Millionen Bewohnern. China hat locker zweimal so viele Arbeitslose und Wanderarbeiter im ganzen Land herumirren, wen interessiert´s da, ob in Deutschland ein Sack Kartoffeln umfällt. Schon vor 1860  dachte kein Chinese daran, sich wirklich für Europa zu interessieren, auch heute sind Chinesen leicht gelangweilt, wenn Deutsche ihnen die Vorteile von Ordnung, Listen und doppelter Buchhaltung beibringen wollen. Mittlerweile sind auch viele Schweizer von ausgewanderten, deutschen Vorgesetzten genervt,  wie es vor kurzem durch die Medien ging. Dennoch könnte man zwischen deutschem Untertanengeist und der konfuzianistischen Lehre des Gehorsams gegenüber Herrschenden eine Parallele vermuten, doch wieder einmal ist alles anders: Deutsche versuchen in vorauseilendem Gehorsam und mit hohem Arbeitsaufwand zwischen Analyse, Definition und Differenzierung die vorgegebenen Gesetze, Pflichten, Regeln und Maßnahmen  zu befolgen, während Chinesen versuchen, Wege, Umwege oder Abkürzungen zu finden , wie man diese Regeln am besten umschiffen kann. Eine andere Form von zivilem Ungehorsam, so lautet die Erfahrung von deutschen Management-Trainern in China. Aber auch Deutsche haben einfallsreiche Strategien zur Arbeitsvermeidung entwickelt, wie zum Beispiel das Sich-krank-schreiben-lassen, das nur durch massive Androhung von Arbeitsplatzverlust eingedämmt werden konnte, in manchen Berufsständen aber überlebt hat. Auch die Kunst des Nichts-Tun, wie es die Zen-Lehre vorgibt, wurde in deutschen Beamtenstuben in die Praxis umgesetzt. Am deutlichsten hat es ein deutscher Kabarettist formuliert, der errechnete, dass bei einer durchschnittlichen Erwerbstätigkeit eines Deutschen von 35 Jahren bis zur Verrentung mit 65 Jahren abzüglich aller Feiertage, Urlaubstage, Krankheitstage, Umzugstage, Beerdigungs- oder Hochzeitsfreistellungstage und anderer Sonderurlaubstage minus aller Zeit, die für Betriebsfeiern, Geburtstagsfeiern, Weihnachtsfeiern, Betriebsausflüge, Einstands- oder Ausstandsfeiern, dem Sektumtrunk zur Geburt eines Kindes oder die Kaffee-und-Kuchen- Pause zum Abitur der Ältesten – das alles abgezogen ergibt eine durchschnittliche Lebensarbeitszeit von 19 Jahren pro Bundesbürger. Bei dieser Berechnung staunen auch die Chinesen, wie geschickt man hierzulande ist.        

„Nee, tut mir leid, Herr Kastei is´ im Urlaub!“ sagt die Beamtin am Telefon, nachdem Ulf acht Tage hintereinander beim Sozialamt angerufen hat. Oh, Sozialamt heißt es nicht mehr, sondern Society Office Service, kurz SOS. „Dann muss ich bitte ganz dringend seine Vertretung sprechen, geht das?“ fragt Ulf. „Ja, also vertreten wird hier keener, dafür ist keen Geld mehr da, melden Sie sich doch bitte in zwei Wochen wieder.“ „Zwei Wochen? Moment mal, ich versuche doch schon seit zwei Wochen, Herrn Kastei telefonisch zu erreichen! Und jetzt noch mal zwei Wochen?? Wo war er denn davor?“ Ulf wirkt nicht wie die Ruhe selbst, eher wie die Ruhe vor dem Sturm. „Krank, Herr Kastei war krank oder ist umgezogen, ich weiß es nicht mehr genau, darum kann ich mich nicht auch noch kümmern“, antwortet die Beamtin, „ich habe hier täglich 84 Clients zu bearbeiten, da hör´n sie irgendwann auf zu fragen, warum ihr Kollege nich´ kommt.“ „Hören Sie, mir wird die Wohnung gekündigt, wenn die Miete nicht rechtzeitig überwiesen wird, was bisher leider nicht der Fall war. Nachdem ich Widerspruch gegen einen Bescheid eingelegt habe, habe ich nichts mehr von Ihnen gehört...und das ist jetzt drei Monate her!! Wissen Sie, was es heißt, eventuell die Wohnung zu verlieren??“ Ulf ist offenkundig sauer. Die Beamtin auch: „Da brauchen Sie mich ja nicht anschnauzen, ich kann doch nichts dafür, dass Sie Widerspruch eingelegt haben! Det dauert...selber schuld!“ „Selber schuld??!!“ schreit Ulf jetzt. „Ich glaub´, ich spinne, das ist mein gutes Recht, Widerspruch einzulegen, wenn sie sich irren.“ „Also, guter Mann, erstens habe ich mich nicht geirrt, sondern, wenn überhaupt, war det die neue Software, die wir bekommen haben, wahrschein- lich ein Fehler in der Berechnung. Und zweitens können Sie Widerspruch einlegen soviel sie wollen, sie dürfen sich nachher nur nicht beschweren, dass sich alles so verzögert, das haben Sie sich dann selber zuzuschreiben!“ Ulf ist sauer-verwirrt: „Aber der Fehler liegt doch bei Ihnen im System!“ Die Beamtin erwidert: „System, System, hör´n Sie, wir sind hier auch nur Menschen, ja?! Det wird ja immer schöner...Und ihretwegen mache ich hier gerade ´ne Überstunde, da will ich mich nicht auch noch anblaffen lassen! Kommen wir zu Sache, ich bin nämlich ab morgen eine Woche auf Fuerteventura, mal ausspannen...“ (VY)

Chinakracher 6: Der Weg ist das Ziel

Drei Charakterzüge kennzeichnen die Chinesen nach Lin Yutang : Geduld, Gleichgültigkeit und Spitzbüberei. Geduldig seien sie und wehen wie die Fähnlein im Wind je nach Windrichtung, flexibel wie ein Bambus-Gerüst und mit gleichgültiger Miene sich geduldig in alle Richtungen biegen und beugen. Für diejenigen, die ein Stahlgerüst bevorzugen, scheint Bambus ein eher instabiles Material zu sein, das eine innere Beweglichkeit hat, die Unsicherheit und Angst suggeriert. Das kann doch nicht halten, denkt der deutsche Ingenieur und schaut fassungslos an der 340 Meter hohen Fassade hoch, die komplett von Bambus umhüllt ist. Aber Hinschauen lohnt sich, die Idee nachmachen in dem Fall auch, denn, wenn China so weitermacht mit seinem Stahlverbrauch, werden wir uns hierzulande keine Stahlgerüste mehr leisten können. Bambus als ein nachwachsender und nachhaltiger Rohstoff könnte in Zukunft auch bei Restaurationsarbeiten rund um den Kölner Dom eingesetzt werden. Da muss man eben mal flexibel werden. Auch wenn Deutschland bisher einen Ruf als weiterbildungsresistent genoss, was nicht ist, kann ja noch werden. Warum kopieren wir nicht einfach auch mal? Vielleicht ist Kopieren ja eine Art Lernen von anderen, eine Hommage an die gute Idee des anderen, wie ein Zitat in der Kunst. Nachmachen ist vielleicht nicht nur Nachmachen, sondern auch eine Art Vormachen. Warum alles immer so negativ sehen? Kopieren ist ja nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht negativ, aus der Open-Space-Sicht können wir nur voneinander lernen und profitieren, wenn wir alle Ideen allen zugänglich machen und weiterentwickeln, ändern oder neu erfinden. Spitzbübisch würde man zukünftig mit clever und engagiert, strategisch klug und sozial vorausschauend neu bewerten, denn vielleicht könnte sich diese überlebenswichtige Eigenschaft, das Immer-an-den-Vorteil-der-Artgenossen-Denken im Rahmen von Global Learning im Global Listigkeits-Tank auch evolutionstechnisch für die Menschheit auswirken - wer weiß, die Zeugen Jehovas haben ihre Zeitschrift „Der Wachturm“ jedenfalls schon in Chinesisch gedruckt.   

„Hello! Is mobile not possible here?“ Der Stoß mit dem Ellenbogen meiner chinesischen Sitznachbarin weckt mich auf. Ich sitze im Flugzeug nach Beijing und bin kurz vor dem Start eingenickt. Ich stelle mich weiter schlafend. Ein weiterer Stoß der Sitznachbarin verdeutlicht mir, hier will jemand wirklich etwas wissen. Ich öffne die Augen. „Hello! Is possible mobile here? Or no?” Meine  Sitznachbarin deutet auf ihr rotes Handy, an dem mehrere glitzernde Ketten hängen. „Nein, bitte schalten Sie das Telefon ab, es ist im Flugzeug nicht erlaubt!“, antworte ich leicht genervt, denn mehrere Stewardessen sind bereits durch den Gang gelaufen und haben in mehreren Sprachen gebeten, dass die Handys ausgeschaltet werden inklusive persönlicher Nachkontrolle. Außerdem habe ich meine Sitznachbarin im Verdacht, dass sie nur ihr Englisch mit mir üben will. Doch Zhang Meiling hatte sich bereits als Plaudertasche geoutet und kaum hingesetzt, schon mit ihrer anderen Sitznachbarin ein Gespräch über die Unterschiede zwischen Shanghai und Beijing in Bezug auf Wetter und Essen begonnen. „Close now, close now!“ singt eine metallene Pips-Stimme – es ist das Handy von Meiling, als sie es ausstellt. Ihre Haare sind leicht zerzaust und gewellt, erkennbar eine Dauerwelle älteren Models, Haarfarbe schwarz mit orange-farbenen Strähnen. Meiling trägt eine Modeschmuckkette aus gelbem Plastik und zieht sich gerade die Pumps aus. Eine Aktentasche der Marke „Flying Horse“ kennzeichnet die aufstrebende Generation, dazu die braune Handtasche von „Luise Witton“ – eindeutig ein Fake, aber mit Selbstbewusstsein getragen. Meiling ist auf dem Weg nach Beijing, um ihre neue Stelle bei dem großen chinesischen Technikkonzern „Da Wing“, großer Flügel, als „Special Executive Manager Business Development“ anzutreten. Vorher arbeitete sie bei Siemens, aber der chinesische Konzern „Da Wing“ bot ihr zu ihrem Arbeitsplatz auch noch eine Wohnung und ein Auto an, so dass sie nicht ablehnen konnte. „But I like Germany“, sagt sie lächelnd zu mir, „because you have advanced and solid quality”. Dann erzählt sie in schnellen Sätzen, dass der chinesische Konzern „Da Wing“ in den Universitäten schon die besten Studenten abgeworben hat, bevor sie ins Ausland gehen und wie „Da Wing“ an die Weltspitze aller Technikkonzerne kommen will. Sie sei stolz, dazu beitragen zu können. Kaum sieht sie die Stewardess am Anfang des Ganges ruft sie laut über alle Köpfe hinweg: „Water, please!“. Die Stewardess bittet sie höflich zu warten, bis sie an der Reihe ist. Meiling schmollt. Dann dreht sie sich um und erzählt ungefragt, dass sie bald heiraten wird. Sie sei zwar gerade erst geschieden worden, aber eine Hochzeit sei ja so etwas Schönes: „It´s the best moment in life of a woman and I want a lot  of those...“ Meiling hat bereits alles im „Miracle Love Centre“ organisiert: die Fotos, das Hochzeitsvideo, die Geschenkeliste, den Hochzeitskuchen in der Form des Pariser Eiffelturms, weil das besonders „romantic“ ist. Dazu spielen Richard Claydermann und Whitney Huston „I will always love you“ im Duett, und kleine Kinder streuen Blumen, Reis, Bonbons, pusten Seifenblasen, lassen rote Luftballonherzen steigen, Friedenstauben fliegen und verteilen das chinesische Zeichen für Doppelglück als Kekse. Alles inklusive Party, Essen, Herz-Lichterkette, Spiele, Limousine, Frisör, Nagelstudio, Nebelmaschine, Feuerwerk und Honeymoon-Reise. Meilings Kleid wird perlweiß und aus Acryl sein mit viel Schleier, Tüll und Strass-Brillanten – alles klingt nach einer Überdosis „Romantik“. „But it is so much fun!” bestätigt mir Meiling und ergänzt, dass sie bei der Wahl ihres Zukünftigen diesmal gründlicher war und die Einkommens- und Besitzverhältnisse vorher gecheckt hat. Das Flugzeug setzt zur Landung an, und ich schließe die Augen. Plötzlich dringt der beißende Geruch frischer grüner Äpfel in meine Nase. Ich versuche, durch den Mund zu atmen, den anderen Passagieren geht es ähnlich. Ein Steward versprüht Raumspray der Marke „Golden Harvest Granny Smith“, weil ein Chinese auf der Toilette rauchte. (VY)

to be continued...