Multiple Identitäten als Spiel
„Du hast viele Seiten. Welche lebst du heute? Songschreiber, Genießer, Musikliebhaber, Künstler oder Trendscout.“ So fragt Nokia zurzeit auf riesigen Werbetafeln. Abgebildet ist ein junger blonder Mann mit Dreitagesbart, der bei einer Tasse Tee etwas verträumt über seine Notizen sinniert. Wahrscheinlich denkt er gerade darüber nach, was er heute sein oder werden will. Ich fühle mich sofort angesprochen. Es sind tolle Tätigkeiten bzw. Berufe, die ich immer von neuem aussuchen, wieder verwerfen und annehmen kann. Identitäten, die mir allzeit zur Verfügung stehen. Ich kann alles sein, ich muss mich nicht festlegen und unendlich auf der Identitätsklaviatur spielen. Großartig!Ich frage mich, ob und wie sich dieses „Welche Seite lebst du heute?“ auf mein „migrantisches Dasein“ übertragen lässt. Der britische Kulturwissenschaftler Stewart Hall spricht in diesem Zusammenhang von Bindestrichidentitäten und kündigt damit das traditionelle, eindeutige Identitätskonzept auf: Migrantische Identitäten fußen demnach nicht mehr auf der entweder-oder, sondern auf der sowohl-alsauch Grundlage. Und der Literaturwissenschaftler Homi Bhabha erklärt ebenfalls, Migranten seien Hybride, die weder das eine noch das andere sind, sondern sie verkörperten etwas Neues, Ambivalentes und Unfassbares. Das Spiel mit den Identitäten scheint also für Migranten komplizierter zu sein. Aber die Frage „was bin ich?“ erübrigt sich für Migranten, weil sie sowieso multiple sind. Nun können es - Nokia sei Dank - auch Deutsche sein.
Doch zurück zu den Anfängen. Seit ich mich erinnern kann, wurde mir immer wieder die gleiche Frage gestellt: Wo kommst du her? (Und wahrscheinlich wird mich diese Frage mein Leben lang begleiten.) Am Anfang, als ich noch nichts von meinen multiplen Identitäten wusste, antwortete ich brav: Ich komme aus Korea, und meine Mutter kam Ende der sechziger Jahre als Krankenschwester nach Deutschland. Alle nickten zufrieden. Aber etwas in mir begann sich zu sträuben, dass ich immerzu ausgefragt wurde, woher und warum. Wieso sollte ich mich vor anderen immerzu erklären und rechtfertigen, während die anderen das nicht taten? Ich probierte andere Strategien aus: Ich komme aus Hannover, ich komme aus dem Bauch meiner Mutter, etc. Das war besser, weil ich damit die Fragenden - meistens Deutsche - sprachlos machen und verwirren konnte. Dann war ich diejenige, die zufrieden nickte. Leider war damit auch jedes weitere Gespräch beendet. Also musste ich mir etwas anderes ausdenken. Ich erzählte dann, ich sei Vietnamesin. In Berlin, insbesondere in Berlin-Friedrichshain, wo alle Asiaten für Vietnamesen gehalten werden, ist das problemlos. Dann bin ich eben eine ehemalige Vertragsarbeiterin aus Vietnam, die hier hängen geblieben ist. Das ist einfach, das verstehen alle. Ein anderes Mal bin ich eine japanische Künstlerin, die ein Stipendium bekommen hat und für ihr Kunstprojekt die Kultur der Deutschen untersucht. Das finden alle wahnsinnig interessant. Wieder ein anderes Mal bin ich eine chinesische Studentin, die ihre Abschlussarbeit über Bertolt Brecht schreibt. Begeisterung macht sich breit. Eine „Boat-Peole-Vietnamesin“, die während des Vietnamkriegs auf einer Nussschale geflüchtet ist. Stille Betroffenheit. Eine Thai-Katalogsbraut. Entsetzte Blicke... Die Liste ist lang und könnte beliebig fortgesetzt werden. Praktizierte multiple Identitäten.
Eine andere, mich stets begleitende Bemerkung ist die über mein gutes Deutsch: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Auch hier das gleiche Spiel. Früher habe ich mich artig bedankt. Später habe ich darauf beharrt, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Aber dieses Statement mögen wenige, weil es ihr traditionelles Identitätskonzept ins Wanken bringt. Eine Zeit lang gab ich das Kompliment zurück: „Oh, Ihr Deutsch ist auch nicht schlecht.“ Das mochten sie auch nicht. Aber die beste Antwort auf das Lob „Sie sprechen gut deutsch“ lautet „Danke, ich wünschte, ich könnte das gleiche behaupten.“ Das sitzt. Der Satz stammt von einem deutsch-türkischen Kabarettisten, Fatih Cevikkollu. In seiner One-Man-Show spielt er die bekannte Szene überzeugend nach, er ist ein Meister des konfrontativen Identitätsspiels. Schade nur, dass ich nicht früher selber darauf gekommen bin.
Heute sammle ich Geschichten aus der Welt des Identitätswirrwarrs. Da ist zum Beispiel ein deutsch-griechischer Freund, der mir erzählte, dass er in der fünften Klasse zur griechischen Mythologie befragt wurde. Als er sagte, er habe keine Ahnung, wurde er von seinem Lehrer vor der ganzen Klasse getadelt; es sei eine Schande, dass er seine eigene Kultur nicht kenne. Eine deutsch-koreanische Freundin sollte aus dem Stand über den Bau der chinesischen Mauer referieren – mit der Begründung, sie sei doch Asiatin und könne sicher etwas über ihre Kultur erzählen. Eine andere Begebenheit ist die eines Deutsch-Koreaners, der bei einem Freund zum Essen eingeladen wurde. Es gab Schnitzel, was ihn freute. Nun machte sich die Mutter seines Freundes daran, seinen Schnitzel mundgerecht in kleine Stücke zu schneiden. Er verstand nicht recht, was die Mutter seines Freundes da machte und was sie von ihm wollte. Diese sagte nur, es sei sicher schwer für ihn, mit Messer und Gabeln zu essen und überreichte ihm lächelnd ein paar Stäbchen. All diese Geschichten zeigen zum einen die irrige Annahme, dass die so genannte „Heimatkultur“ (dazu gehört anscheinend auch die höhere Bildung) mit der Muttermilch eingesogen wird und zum anderen die rassistische Dimension derselben.
Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, dass allerorts nationale Kategorisierungen samt dazugehörigen, scheinbar unveränderlichen Kultur-Accessoires vorgenommen werden. Ob damit Stereotypen, Vorurteile, Rassismen verfestigt werden, ist erst einmal irrelevant. Menschen neigen zu Eindeutigkeiten, weil sie einem helfen, den Alltag zu strukturieren und zu bewältigen. Ambivalenzen sind da nicht erwünscht, denn sie bedeuten nur Komplikationen. Homi Bhabha spricht im Kontext der migrantischen Identitäten im globalen Zeitalter von „necessity of global doubt“, der Notwendigkeit des globalen Zweifels bzw. der Mehrdeutigkeit: „Take it as a whole with all its ambiguity, tension and ambivalence.“ Seine Maxime lautet daher das vorhandene Identitätskonglomerat samt der Uneindeutigkeit, Spannung und der Ambivalenz als ein Ganzes zu betrachten, da Identität und damit einhergehend auch Kultur niemals eindeutig war, ist und sein wird, sondern sich unentwegt im Wandel befindet und einem permanenten Veränderungsprozess unterliegt. Das wussten schon die buddhistischen Mönche vor langer langer Zeit: nichts im Leben ist einfach, eindeutig und endgültig.Aber egal. Ich gehe jetzt hinaus und spiele mit meinem Nokia-Handy. Vielleicht gibt es noch unentdeckte Seiten und Identitäten von mir, die ich unbedingt ausleben muss.
SJC 2006