Chinese or not Chinese? Zeitgenössische Kunst – ein Spiegelbild der heutigen Entwicklung
China hat sich in dem letzten Jahrzehnt schneller verändert, als man zuschauen kann. So kommt es einem zumindest vor, wenn man Tag für Tag mit dem Fahrrad an einer Baustelle in Peking vorbei fährt und jeden Tag wieder mehrere neue Fensterreihen eines futuristischen Einkaufszentrums entstehen sieht. Mit rasanter Geschwindigkeit verschwinden alte und entstehen neue Stadtviertel. Konnten vor knapp einem Jahrzehnt ganze Häuserblöcke nur über ein zentrales Telefon beim Pförtner am Eingang telefonieren, so gehören Handys heute zum Alltagsbild auf Chinas Straßen. Die Technologisierung Chinas, die vorwiegend in den Städten stattfindet, die ökonomische Entwicklung der letzten Jahre hin zu einem quasi Nebeneinander von „Sozialismus“ und „Kapitalismus“ und der Einfluß der weltweiten Globalisierung verändern China und seine Menschen in einem atemberaubenden Tempo. Welchen Einfluß hat das Leben und der Alltag in diesen „Turbo-Städten“ auf die Kunst in China?
Die Großstädte sind auch in China die Geburtsstätten zeitgenössischer Kunst. Hier werden die dynamischen und komplexen Prozesse, die auf chinesische Künstler und Künstlerinnen heutzutage einwirken reflektiert. Eine Suche nach Antworten auf Fragen, die heute in China gestellt werden können.
In den letzten Jahren hat das internationale Interesse an zeitgenössischer chinesischer Kunst zugenommen. Auch das Interesse an dem Leben der Menschen im jetzigen China ist gewachsen: Welche Fragen, Gedanken und Blickwinkel haben Chinesen und Chinesinnen auf die Dinge der Welt, die uns letztendlich alle bewegen?
Nach den Repressionen nach 1989 spricht man auch von einem Wiedererwachen zeitgenössischer Kunst in China. Anfang der 80er Jahre - mit zunehmender Öffnung Chinas gegenüber der westlichen Welt - erfuhren chinesische Künstler und Künstlerinnen immer mehr über europäische Maler und Künstler, Pop-Art, Dada, Surrealismus und Moderne Kunst. Erste Anfänge einer Performance-Kultur entstanden durch die Gruppe "The Concept of the 21st Century", vier chinesische Künstler, die 1988 eine ausdrucksstarke Performance auf der Großen Mauer in Peking veranstalteten.
War früher chinesische Kunst eher traditionell und folkloristisch oder von sozialistischen Motiven geprägt, so entwickelte sie sich ab Mitte der 80er Jahre über politische Anspielungen und ironisierende Bemerkungen zur Gesellschaft hin zu einer mehr auf das Individuum orientierten Ausdrucksweise.
So malte der Künstler Li Shan z.B. den Vorsitzenden Mao 1990 in zarten Rottönen, mit einem koketten Lächeln auf den Lippen und einer Blume im Mund - Ausdruck einer Zeit der politischen Pop-Art der frühen 90er Jahre. 1995 zeigte Wang Jin auf einem überdimensional großen Foto die Hochzeit eines Chinesen mit einer Mauleselin, welche geschminkt in grellem Pink, Netzstrumpfhosen, Hut und Schleier gekleidet ist. Der Bräutigam hält einen bunten Plastikblumenstrauß in der Hand - eine Überdosis an Kitsch. Man kann diese Performance mit dem Titel "To Marry a Mule" als Abrechnung mitder chinesischen Gesellschaft und ihren traditionellen Hochzeitsfeiern verstehen. Das Foto von Zhang Huan "Twelves Square Meters" (1994) zeigt eine Performance in Peking, bei der ein Mann nackt in einem ziemlich dreckigen Zimmerchen sitzt. An ihm läuft eine klebrige und dickflüssige Flüssigkeit herunter. Sein Körper ist übersät von Fliegen, die in dieser Flüssigkeit kleben bleiben, daran saugen oder zugrunde gehen.
In den Werken jüngerer chinesischer Künstler und Künstlerinnen spielen Nacktheit, Verletzbarkeit und Ekel eine große Rolle. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tabus, Moralvorstellungen der Eltern und dem Spannungsfeld von Kunst und Körper sind immer auch eine Auseinandersetzung mit Fragen zur eigenen Identität. Was heißt es heute, chinesisch zu sein? Es beginnt mit der Frage, ob das kulturelle Erbe Chinas integriert oder abgelehnt wird? Wieviele westliche Elemente sind in chinesischer Kunst sichtbar? Gibt es ein Nebeneinander? Oder ein Durcheinander? Und: was ist dann "chinesisch"?
Neben zahlreichen Galerien in Peking entstanden in den letzten Jahren am Stadtrand einige Künstlerdörfer, welche teilweise von den Künstlern selbst finanziert und von der Regierung geduldet wurden. Sie dienen jungen Künstlern und Künstlerinnen als Labor zum Ausprobieren. Es sind Spiel- und Freiräume gewachsen, die die dynamische Vielfalt und Kraft kulturellen Ausdrucks junger Chinesen heute offen und provokativ, schamlos und laut, den gängigen Klischees über Chinesen trotzend zutage bringen. Zeitgenössische chinesische Kunst verzichtet auf Folklore und integriert chinesische Elemente, um sie gleichzeitig bewußt zu entfremden. Sie stellt traditionelle Elemente in einen neuen zeitgemäßen Kontext. Der spielerische und teils schräge Umgang mit chinesischer Tradition ist lebendig, unvorhersehbar und auch unbequem. Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit chinesischer Künstler und Künstlerinnen sind so groß wie auch das Land, in dem sie leben - jede Provinz und jede Stadt hat ihr eigenes Gesicht. Die Kuratoren der Ausstellung "Inside Out - New Chinese Art" sprechen in ihrem 1998 erschienen Katalog von einem "trans-chinesischen Multikulturalismus", die im Ausland lebenden chinesischen Künstler mit einbezogen.
Chinesische Künstler und Künstlerinnen bedienen sich heute aller vorhandenen technischen Mittel, um sich auszudrücken. Video - und Internetkunst ist in der zeitgenössischen chinesischen Kunst ein großer Schwerpunkt, aber auch Installationen, Performances, Fotografie und Collagen. Gleichzeitig greifen chinesische Künstler und Künstlerinnen auch auf traditionelle Techniken wie Tusch- und Kreidemalerei auf Papier und Seide zurück.
Thematisch werden die weltweit in allen Großstädten aktuellen Fragen verarbeitet, auch kritische Fragen zu Umweltverschmutzung, Konsumgesellschaft und Materialismus. Das Infragestellen des Gewohnten und witzige bis hin zu spirituellen Assoziationen - Nicht-spezifisch chinesische Themen. Zeitgenössische chinesische Kunst wird so zu einer Momentaufnahme und Zustandsbeschreibung des heutigen Chinas.
VY 2001